Lebendigkeit tanzt mit der Angst

27.12.2021 von Christian Zehenter

Leben ist etwas anderes als Todesvermeidung und Gesundheit etwas anderes als Krankheitsvermeidung. Am Ende jedes Lebens zählt nicht die Lebensquantität - also die angesammelten Lebensjahre -, sondern die Lebensqualität: wie wir gelebt, geliebt, getrauert, gewirkt, gelacht und die Welt betrachtet haben und vor allem: wie wir begegnet sind. Jede Form von Lebendigkeit hat ihre statistische Sterbewahrscheinlichkeit. Wenn wir Lebendigkeit, Begegnung und Freiheit jedoch aufgeben, um das Leben zu schützen, sind wir bereits tot. Letztlich werden wir hierdurch auch früher sterben. Denn Begegnung, Entspannung, Sinnlichkeit, Übermut und Freude sind unser Lebenskraftstoff, ohne den wir verkümmern und Depressionen, Angststörungen, Entzündungen sowie stressassoziierte Erkrankungen entwickeln, die um ein Vielfaches tödlicher sind als Viren. Somit ist die Krankheits- und Todesvermeidung eine der wichtigsten Krankheits- und Todesursachen.
 
Die Ausrufung der existenziellen Bedrohung und das rettende Durchregieren: In diesem Taschenspielertrick versuchen sich Eliten und Medien in fast jeder Generation - und haben häufig Erfolg. Denn je sinnärmer und einsamer unser Leben ist, umso mehr suchen wir nach der Bedrohung, die unsere innere Bedrängnis erklärt, sowie der rettenden Hand, die uns davon erlöst. Doch die Befreiung wird auf diesem Weg nie eintreten, da wir lediglich auf Ersatzschauplätzen Ersatzprobleme mit Ersatzlösungen therapieren. Am Ende haben wir lediglich weitere Scherben auf unseren Weg gestreut, fühlen uns aber so leer und hilflos wie zuvor. Denn Leben findet nur in der Lebendigkeit statt, in der Entspannung, Begegnung, Berührung, Freiheit, liebevollen Betrachtung und unbekümmerten Freude, im angstfreien, bewussten Dasein, das nicht festhält oder abdrängt, nicht wertet und nicht berechnet.
 
In seinem Artikel "Das Regime des nackten Überlebens" schreibt Nachdenkseiten-Autor Jörg Phil Friedrich: "Wenn wir uns von der Idee der Vermeidung des Todes um jeden Preis treiben lassen, bleibt vom Leben nicht mehr viel übrig. Alles, was Lebendigkeit ausmacht, ist mit Gefahr fürs Leben verbunden. Wir müssen unsere Endlichkeit und unsere Sterblichkeit zunächst und als Erstes akzeptieren. Sodann müssen wir, muss jeder Einzelne sich fragen, wofür es sich zu leben lohnt und wofür sich auch das Risiko, zu sterben, lohnt. (...) Das Leben um jeden Preis zu verlängern, das Sterben so weit wie möglich hinauszuzögern, das wird zur Pflicht, zumindest zur moralischen Norm. (...) Und völlig selbstverständlich wird auch die Qualität der Schulbildung und die Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen dem Regime der Lebensverlängerung um jeden Preis untergeordnet, ob so ein Weiterleben nun jemand lebenswert findet oder nicht, ist egal. (...) Und so übernimmt der Tod immer mehr seine unbeschränkte Herrschaft über unser Leben – nicht, weil wir früher sterben, sondern weil wir aus Angst vor dem Sterben schon viel früher aufhören zu leben. (...) Das Gesundheitsregime hat schon entschieden, dass es vor allem darauf ankommt, die Gesundheit eines Jeden zu schützen, ob er es will oder nicht. (...) Vielleicht ist die Pandemie, wenn wir denn nach dem Abflachen der nächsten oder übernächsten Welle noch einmal zur Besinnung kommen, die letzte Chance, darüber zu reden und darüber Einigkeit zu erzielen, ob wir das wirklich alles so wollen, ob es das so wert war."

 

Bildquelle: Adobe Stock / AungMyo

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