Mathematiker Peter Dierich stellt schon früh Corona-Maßnahmen in Frage

Interview: "Natürlich habe ich mit Widerspruch gerechnet"

17.03.2022 von Barbara Feldmann

Die Wissenschaft, die Medizin, die Politik, die Medien – und damit eihergehend die eine Wahrheit: Das Meinungsbild unserer Zeit ist geprägt von absoluten Begriffen. Der kritische Betrachter hat in den vergangenen Jahren erleben müssen, wie der vielzitierte Wissenschafts- und Forschungsbetrieb in scheinbar trauter Eintracht dominierende Weltsichten durch (vermeintliche) Fakten legitimiert. Dabei ist der Diskurs hinter den medialen Einheitskulissen um Welten kontroverser, als es im öffentlichen Meinungsraum wiedergegeben wird. Viele renommierte Wissenschaftler haben in den vergangenen Monaten und Jahren Erkenntnisse eingebracht, die den gängigen Erzählungen teils diametral entgegenstehen. Die Reaktionen mündeten bestenfalls in Todschweigen. Viele Experten, die sich kritisch zur vermeintlich klaren Faktenlage äußerten, erlebten Anfeindungen und Diffamierungen bis hin zur sozialen Ausgrenzung und dem Ende ihrer beruflichen Laufbahn.

Peter Dierich, emeritierter Professor für Mathematik und in den 90er-Jahren Rektor der Hochschule Zittau Görlitz, hat schon im Mai 2020 die staatlichen Corona-Maßnahmen kritisiert und den Nutzen von Lockdowns in Frage gestellt – darüber berichtete unter anderem die Sächsische Zeitung. Forum 21 hat mit ihm über seine Eindrücke und Erfahrungen aus den vergangenen zwei Jahren gesprochen.

Forum 21: Herr Professor Dierich, die Grundlage für Ihren kritischen Blick auf die Corona-Maßnahmen im Frühjahr 2020 bildete die Auswertung statistischer Daten. Was hat Ihnen den Impuls gegeben, diese Berechnungen durchzuführen?

Professor Peter Dierich: Mitte März 2020 gab es eine Anweisung des Bundesregierung an das Statistische Bundesamt im wöchentlichen Rhythmus (jeweils dienstags), die Zahl der Sterbefälle zu veröffentlichen. Offensichtlich war die Absicht die Angstpsychose, die bereits durch das Papier des BMI „Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen“(1) bewusst ausgelöst wurde, durch Zahlen zu untermauern. Von der ersten Veröffentlichung an habe ich mir die Daten und Kurven angesehen. Aber das Erwartete traf nicht ein. Die Todeszahlen bei den Grippeepidemien 2017 und 2018 lagen wesentlich höher, wie ich damals unter anderem in meinem Bericht in der Saächsischen Zeitung erläutert habe. Der Widerspruch zwischen den veröffentlichten offiziellen Zahlen und der durch Regierende und Medien erzeugte Katastrophenstimmung wurde immer deutlicher. Also fing ich an, intensiver zu recherchieren. Als Beispiel sei nur genannt: Aus den Daten des RKI wurde erkennbar, die progressive Phase der Infektionsentwicklung endete bereits um den 4. März 2020, die Reproduktionszahl R lag ab dem 21. März unter 1, der am 23. März eingeleitete Lockdown konnte aber frühestens ab 28. März 2020 Wirkung zeigen. Die Fakten waren eindeutig, trotzdem beharrte die veröffentlichte Meinung auf dem Narrativ, dass die Maßnahmen des Lockdowns die Wende gebracht haben. Heute gibt es viele Veröffentlichungen, die zeigen, dass die Lockdowns mehr Schaden als Nutzen angerichtet haben.

Nach der Veröffentlichung Ihrer Ergebnisse haben Sie deutliche Kritik erfahren. Wie haben Sie diese empfunden – und haben Sie damit gerechnet?

Natürlich habe ich mit Widerspruch gerechnet. Ich war mir im Klaren darüber, dass die Mehrheit so verängstigt ist, dass eine derartige Darstellung als „Relativierung“ empfunden werden musste. Was mir gefehlt hat, waren echte Gegenargumente. Das hat mich dann wiederum aber eher beruhigt. Meine kritische Haltung zur fehlenden Wahrhaftigkeit von Regierenden und den meisten Medien in der Corona-Pandemie hat leider Freundschaften zerbrechen lassen; allerdings konnte ich ebenso neue Freunde gewinnen. Leider ist die Diskussion zu den Corona-Maßnahmen eher zu einem Glaubenskrieg geworden als zu einem sinnvollen Diskurs.

Datenbasierte Modellierungsverfahren werden regelmäßig herangezogen, um allgemeine Entwicklungen oder Risiken einzuschätzen. Das wurde nicht nur im Hinblick auf die zu erwartende Sars-CoV-2-Ausbreitung getan, auch Fragen der Klimaentwicklung oder des künftigen Energiebedarfs werden durch mathematische Modelle abgebildet. Wie zuverlässig sind diese Prognosen? Und sind sie überhaupt als Grundlage für politische Entscheidungen geeignet?

Es ist in der Wissenschaft wohl unstrittig, dass datenbasierte Modellierungsverfahren zur Entscheidungsvorbereitung, auch für politische Entscheidungen, herangezogen werden. Klar ist aber auch, dass die "Güte“ des Modellergebnis wesentlich von der Qualität der eingegebenen Daten und Modellannahmen abhängig ist. Gefährlich unwissenschaftlich wird es, wenn Wissenschaftler den politischen Auftrag bekommen, ein Modell zu erarbeiten, das ein gewünschtes Ergebnis produzieren soll. Besonders kriminell wird es, wenn die Modelle bewusst dazu dienen sollten, Angst und Schrecken zu verbreiten, die weite Teile der Bevölkerung zu irrationalen Verhalten führt und erhebliche Gesundheitsbeeinträchtigungen zur Folge hat.

Haben Sie in Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn jemals eine so verengte Betrachtung von Sachverhalten erlebt wie in den vergangenen zwei Jahren?

Eindeutig nein. Eigentlich ist die Situation noch schlimmer, als es der Begriff „verengte Betrachtung“ beschreibt. Es fand über lange Zeit in den Hauptmedien überhaupt kein echter Diskurs statt. Jeder Zweifel, obwohl Zweifel die entscheidende Triebkraft in der Wissenschaft ist, wurde sofort verhöhnt – als Schwurbelei, Verschwörungstheorie oder sogar in eine rechte politische Ecke gestellt. Es gibt natürlich Unterschiede in den Ländern. Beispielsweise werden in den angelsächsischen Staaten in den wissenschaftlichen Zeitschriften kontroverse Sichten ausgetauscht, die sich dann aber auch nicht mehr in den Mainstreammedien widerspiegeln. Deutschland hat hier leider insgesamt eine sehr wissenschaftsfeindliche Haltung angenommen.

Wie erfahren Sie die Verengung des wissenschaftlichen Dialogs – persönlich und als Akademiker?

Persönlich ziehe ich da eine historische Verbindung. Ich glaube, es war 1988, als in der damaligen DDR Zwickauer Wissenschaftler die besondere Umweltfreundlichkeit der Trabant-Motoren priesen. In mancher Berichterstattung über die Corona-Maßnahmen fühlte ich mich peinlich an diese Anbiederung an den Staat erinnert.

Wie hat sich die Rolle von Wissenschaft und Technologie in unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten verändert?

Der grundsätzlich richtige Ansatz, dass Unternehmen Forschungsaufträge, von denen sie sich einen Nutzen versprechen, erteilen und auch finanzieren, hat in letzter Zeit die drittmittelfinanzierte Forschung in eine gewisse Abhängigkeit geführt. Die extremsten Auswüchse gibt es dabei in der Klimaforschung und in der Corana-Pandemie. Wenn man schon sein Leitungsamt, seinen Job oder zumindest seine Reputation verliert, nur weil man unbequeme Fragen stellt, ist es um eine freie Wissenschaft nicht mehr gut bestellt.

Auch privat haben Sie sich für eine kritische Auseinandersetzung mit den Corona-Maßnahmen eingesetzt. Im Dezember 2020 haben Sie regelmäßig zu Montagsandachten vor der Zittauer Johanniskirche eingeladen und dort gemeinsam mit anderen Menschen gesungen und gebetet. Von offizieller Seite wurde Ihnen allerdings vorgeworfen, Sie hätten die Andacht als Tarnung für den Corona-Protest genutzt. Welchen Grund gibt es für derartige Vorwürfe? Und wo steht unser Land, wenn Protest „getarnt“ werden muss?

Ja, wir haben viele Monate jeden Sonnabend eine „stille“ Demo ohne Reden und Transparente am Herkulesbrunnen in Zittau durchgeführt. Diese wurden erst eingestellt, als die Demo-Teinehmer Auflagen erfüllen sollten, gegen die sie demonstrierten – zum Beispiel Mundschutz im Freien trotz Abstand. Auf dem Vorplatz an der Johanniskirche, am Freiheitsstern zur Erinnerung an die 89-Revolution, fanden im Dezember 2020 Andachten statt, die zum damaligen Zeitpunkt als Versammlungen zur Religionsausübung nach der geltenden Sächsischen Corona-Schutz-Verordnung auch ohne Maskenpflicht zulässig waren. Es gab keinerlei politische Willensbekundungen wie eben Plakate oder politische Reden, sondern ausschließlich Bibellesungen, Singen von christlichen Liedern und Abstellen von Kerzen. Richtig ist, dass die Teilnehmer der Andachten offensichtlich den Corona-Maßnahmen kritisch gegenüber standen und sich bewusst nicht den scheinheiligen, staatshörigen Angeboten der offiziellen Kirche anschließen wollten. Dass die Teilnahme an diesen Andachten jetzt gerichtliche „Nachspiele“ hat, ist mehr als befremdlich.

Inwiefern hat sich Ihr Blick auf Politik und Gesellschaft seit Ausrufung der Pandemie im Frühjahr 2020 verändert?

Mein Blick ist wesentlich kritischer geworden. Ich gebe zu, dass ich mir vorher nicht habe vorstellen können, dass sich Politik und Medien in einem Land wie der Bundesrepublik Deutschland so schnell gleichschalten – und aus Unfähigkeit oder Abhängigkeit, die Rationalität ihres Agierens so schnell verlieren konnten.

Wenn Sie einen bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit ändern könnten: Welcher wäre das?

Ich kann den Zeitpunkt nicht benennen, da es ein schleichender Prozess war, der die Misere herbeigeführt hat. Über Jahrzehnte haben gewisse Dualitäten zu einer Art "Selbstoptimierung“ der politischen Prozesse geführt: Gewerkschaften und Arbeitgeberschaft, Opposition und Regierung, Regierung und kontrollierende Medien, Abschreckung und Diplomatie … Bis auf das Erstere funktioniert dies überhaupt nicht mehr. In einem ersten Schritt zurück, der ja einfach zu realisieren wäre, kämen wir etwas nach vorn.

In drei Sätzen: Was wünschen Sie sich für unser Land und unsere Gesellschaft?

Ich sage es in einem Satz, aber als Forderung: Wahrhaftigkeit und Verhältnismäßigkeit, vor allem bezogen auf die Coronapandemie – aber nicht nur dort...

Das Interview führte Forum 21-Redakteurin Barbara Feldmann.

 

Prof. Dr.-Ing. habil. Dr. oec. Peter Dierich, geboren 1942, ist emeritierter Professor für Mathematik und war von 1992 bis 2000 Rektor der Hochschule Zittau/Görlitz. Die CDU vertrat er von 1977 bis 1990 als Kreistagsabgeordneter, 1990 als Mitglied der einzigen frei gewählten Volkskammer der DDR, von 1990 bis 1994 dann im sächsischen Landtag. Am 13. Oktober 2009 wurde Peter Dierich im Rahmen der Feierlichkeiten "20 Jahre Friedliche Revolution“ mit dem Sächsischen Verdienstorden für sein politisches Engagement während der Wende-Zeit geehrt.

 

Bildquelle: Peter Dierich

(1) Anm.d.Red.: Das unter diesem Link auf den Seiten des Bundesinnenministeriums veröffentliche Papier wurde inzwischen von der Website entfernt.

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