Chronik einer Pandemie-Karriere

Rezension: „Meine Pandemie mit Professor Drosten“

10.04.2022 von Barbara Feldmann

Es war vor langer Zeit in einem fernen Land, als Fälle von „mysteriösen Lungenentzündungen“ die Menschen auf der ganzen Welt in Angst und Schrecken versetzten. Es klingt wie der literarisch ungelenke Einstieg in das Schauermärchen Corona, für dessen Ende bis heute kein rechter Schlusspunkt gefunden ist. Die Moral von der Geschicht tritt allerdings seit Langem zutage – und wurde von Autoren wie dem Journalisten Walther van Rossum früh erkannt und zu Papier gebracht. In seinem Buch „Meine Pandemie mit Professor Drosten“ startet van Rossum den erfolgreichen Versuch, Licht in das dunkle Dickicht der Pandemie-Verflechtungen zu bringen. Der Autor stellt den Virologen Christian Drosten als Antihelden der pandemischen Heilserzählung ins Zentrum seiner Betrachtungen. Schon in der Einleitung lässt van Rossum keinen Zweifel an der denkwürdigen Rolle des Wissenschaftlers:

Wer erinnert sich noch an die Ansage von Christian Drosten bei einem seiner ersten Corona-Auftritte in der Tagesschau, glücklicher Weise handle es sich nicht um ein Influenzavirus, das sei nämlich viel gefährlicher? Andererseits gut für den Chef der Virologie an der Berliner Charité. Schließlich hatte der sich 2003 als Entdecker des SARS-Coronavirus profiliert und gilt seitdem als Experte für Coronaviren, die sich im Allgemeinen deutlich geringerer virologischer Aufmerksamkeit erfreuen als Influenzaerreger.

Um es vorwegzunehmen: Er lag fast immer daneben mit seinen Befunden und Prognosen. Das hat seinem Ruf offenbar nicht geschadet – im Gegenteil: Seine Zuverlässigkeit als Pandemiebeschleuniger machte in zum gefragten Star der pandemischen Branche.

Bereits im Januar 2021 erschienen, gehört die Publikation von Walther van Rossum inzwischen zu den Klassikern im Bücherschrank der kritischen Pandemie-Betrachtungen. Doch warum den Geist noch mit fordernder Aufklärungslektüre belasten, wo sich die Corona-Lage (im bedrohlichen Schatten neuer Katastrophen) derzeit doch entspannt? Freiheiten werden großzügig zurückgegeben, und mit dem Votum der Bundesparlamentarier gegen eine Impfpflicht ab 60 scheint auch die Idee von Demokratie und Rechtstaatlichkeit zumindest in Teilen wiederbelebt. Die Panik vor dem Killer-Virus weicht der Angst vor leeren Speiseöl-Regalen, auch wenn sich der Vollkasko-Bundesbürger nur schwer vom kultischen Zugehörigkeitssymbol auf Mund und Nase trennen kann.

"Vom Tod der Aufklärung unter Laborbedingungen"

Die Antwort darauf, warum eine Auseinandersetzung und Aufarbeitung der zurückliegenden zweieinhalb Jahre geboten ist, liegt auf der Hand: Die Sache ist noch lange nicht ausgestanden – denn das, was rund um den Virologen Christian Drosten geschehen konnte, zeigt auf, wie weit Seilschaften und die Verflechtung von Machtinteressen reichen. Und welche unglaublichen Geschehnisse sie ins Rollen bringen können. Es ist gerade die Augenscheinlichkeit, die vermeintliche Plausibilität der Ereignisse, die Skepsis hervorrufen muss. Denn wenn es sich auch schon lange abgezeichnet hat, so tritt seit spätestens Winter 2020 mit voller Wucht zutage: Die rationale Betrachtung von Sachverhalten und der differenzierte Umgang mit Fragestellungen sind medialer und gesellschaftlicher Dauererregung, absolutistischen Ideologie und kultischen Narrativen gewichen. So verweist van Rossum mit dem Untertitel „Vom Tod der Aufklärung unter Laborbedingungen“ nicht nur auf einen kleinen Teilaspekt einer temporären Krise, sondern auf ein übergeordnetes Phänomen mit System: wie sich das Rationalitätsversprechen von Wissenschaft und Forschung kannibalistisch selbst verdaut – und zum zentralen Motiv für macht- und geldpolitische Märchen geworden ist.

Spannend wie ein Thriller - nur leider real

Die Zusammenhänge innerhalb eines vielschichtigen Interessengefüges nachvollziehbar und dennoch nicht unterkomplex darzustellen, stellt jeden Autoren vor eine Herausforderung. Schnell wirken Bezüge konstruiert, Zusammenhänge verworren oder die Auflistung von Personen, Ereignissen und Orten objektiv, aber ermüdend langatmig. Wer glaubt, ihn erwarte bei der Lektüre von van Rossums Pandemie-Chronik eine trockene Abhandlung, dem kann getrost entgegengehalten werden: „Meine Pandemie mit Professor Drosten“ liest sich in weiten Teilen spannend wie ein Tom-Clancy-Roman. Wobei es an mancher Stelle durchaus tröstlich wäre, hätte sich der Autor der Fiktion und nicht vorliegenden Fakten bedient. Dennoch: Lästige Verschachtelungen, die dreimal gelesen werden müssen, finden sich bei van Rossum selten – was nicht zuletzt seiner unprätentiösen und dennoch leichtfüßigen Schreibe geschuldet ist.

Gut recherchierte und dokumentierte Zusammenhänge

Man muss das Bild sehen wollen, das van Rossum in seiner mit zahlreichen offiziellen Quellen belegten Dokumentation zeichnet. Es gibt zwar kritische Veröffentlichung von größerer Düsternis, doch auch dieses Buch lässt ernüchternde Schlüsse zu, die nicht unbedingt zur entspannenden Nachtlektüre gereichen. Für jene, die sich bisher nicht mit den Seilschaften der internationalen Pharma- und Gesundheitslobby auseinandergesetzt haben (oder generell kindliches Urvertrauen in Politik und Wissenschaft hatten), mag es ein erschütternder Bugschuss sein. Doch die Klarheit, mit der sich die gut recherchierten und dokumentierten Zusammenhänge auftun, hat zugleich etwas Erleichterndes. Selbst dann, wenn der Autor die opportunistischen Volten Drostens anhand seiner Verlautbarungen während der Schweinegrippe 2009 entlarvt:

Da Ende 2009 die angekündigte [Schweinegrippe-]Welle nicht kam, sollte sie endlich im Mai 2010 anrollen. „Der Leiter des Instituts für Virologie der Universitätsklinik Bonn, Prof. Christian Drosten, sagte, es gebe eine drastische Zunahme der Erkrankungen in Süddeutschland. Er gehe davon aus, dass die Welle von Süden aus in einem Zeitraum von fünf bis sechs Wochen über Deutschland hinwegziehen werde“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Hatte er nicht eine wortgleiche Prophezeiung bereits sechs Monate zuvor abgegeben? Auch der Wortlaut der Empfehlung klingt vertraut: „Bei der Erkrankung handelt es sich um eine schwerwiegende allgemeine Virusinfektion, die erheblich stärkere Nebenwirkungen zeitigt, als sich irgendjemand vom schlimmsten Impfstoff vorstellen kann.“ Christian Drosten hatte im Laufe der Zeit mal wieder seine ganze diagnostische Breitseite abgefeuert – von ganz harmlos bis ganz schlimm. Begründungen wechselt er wie Hemden, sie sind meist auch so dünn wie Hemden.

Damit keine Missverständnisse entstehen, sei noch einmal betont: van Rossum zitiert hier nicht etwa Aussagen zur Corona-Pandemie aus dem Jahre 2020, sondern Drostens mahnende Worte zur Schweinegrippe 2009. Es ist nur mit größter Anstrengung möglich, die wiederkehrende, immer gleiche Wortwahl des deutschen Chefvirologen zu übersehen – und entsprechende Parallelen zu ziehen. Nach mehreren Anläufen ist es mit SARS-CoV-2 den Profiteuren aus drittmittelfinanzierter Wissenschaft und Gesundheitsindustrie schlussendlich geglückt, das eher milde und zunächst nur vereinzelte Auftreten von Infekten zu einer weltweiten und für einzelne Akteure hoch profitablen Pandemie hochzutesten.

Globale Pharma-Verpflechtungen und die Nutznießer des Bedrohungsnarrativs

Van Rossum schildert in insgesamt zehn Kapiteln eine fast zwei Jahrzehnte zurückreichende Chronik der Pandemiebeschwörung; er veranschaulicht die Tragweite des von Drosten und seinen Leuten entwickelten PCR-Tests für die globale Auswälzung einer nie dagewesenen Bedrohungserzählung; er legt die Verflechtungen zwischen Pharmalobby und internationalen Zusammenschlüssen von Medizinern und Wissenschaftlern offen – und er stellt als Schlussakkord den Zusammenhang zwischen all diesen Faktoren und globalen Playern wie dem World Economic Forum (WEF) mit ihrem Traum vom großen Neuanfang her:

Die Autoren [Klaus Schwab und Thierry Malleret] verbinden in ihrem Buch [COVID-19: The Great Reset] Schwabs schon früher gehegte Phantasien über die „Vierte Industrielle Revolution“ mit den durch die Pandemie geschaffenen Realitäten. Konsequent verstehen sie COVID-19 als das Ereignis, das die Notwendigkeit eines Resets allen evident gemacht hat, und sie sehen die pandemische Lage als Chance, den Übergang in das Zeitalter der Vierten Industriellen Revolution zu beginnen. „Es ist ein seltenes, aber enges Zeitfenster, um unsere Welt zu reflektieren, neu zu interpretieren und neu zu starten.“

Die Vierte Industrielle Revolution als Katharsis des transhumanistischen Menschen – und die Corona-Pandemie als initiales Moment und Nährboden für all jene, die diesem autoritären wie totalitären Ideal entgegenfiebern. Ist diese Interpretation der zurückliegenden und gegenwärtigen Ereignisse noch plausibel oder schon im Bereich überspannter Theorien, die gesteuerte Zusammenhänge sehen wollen, wo nur ganz selbstverständlich Dynamiken zusammenfließen? Der Autor lässt die Frage offen:

Ich muss gestehen, selbst ich, der ich mich seit Monaten in die Abgründe der Pandemie vertieft habe, frage mich gelegentlich, wie plausibel meine Hypothesen sind und wie viele Fragen offen bleiben. Doch unsere Realitäten haben sich weitgehend ausgelöst – die erfahrungsgestützte Wahrnehmung des Realen verschwimmt. Was vermutlich auch die Unterwerfung großer Teile der Bevölkerung unter das Pandemieregime erklärt. Es genügt, wenn ich mir vorstelle, man hätte mir im Sommer 2019 die „Realitäten“ des Jahres 2020 beschrieben. Ich hätte sie als vollkommen unwahrscheinlich abgetan.

Es ist diese Ehrlichkeit van Rossums, die sich durch das komplette Buch zieht und neben allem inhaltlichen Mehrwert das Geschriebene sympathisch macht.

Geschickte Verknüpfung: Pandemie-Chronik und Biografie

„Meine Pandemie mit Professor Drosten“ wurde geschickt in zwei Erzählsträngen gefasst, die sich inhaltlich und chronologisch wie selbstverständlich miteinander verflechten: die Biografie eines wissenschaftlichen Emporkömmlings, wie er im Bilderbuche steht, mit einer übergreifenden Pandemie-Chronik, beginnend in den früher 2000er-Jahren. Christian Drosten, PCR-Tests und Viruspandemien sind drei Schlagworte, deren Wechselwirkung nicht nur im deutschen Wissenschaftsapparat, sondern weltweit ein bedeutendes Zünglein an der Waage des gegenwärtigen Umbruchs sind. Van Rossum zeigt, wie man alles richtig machen kann, wenn man die Verflechtung von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik aufzeigen will. Unaufgeregt und doch packend, ohne Alarmismus und dennoch mit erfrischendem Scharfsinn, erzählt er auf 264 Seiten die Geschichte eines Mannes, der die Geschicke der Corona-Pandemie und ihrer Vorgängerinnen maßgeblich mitbestimmt hat. Seit Erscheinen des Buches ist sicherlich noch einiges geschehen – die mRNA-Behandlung und alle anhängigen Debatten um den Ausschluss Ungeimpfter bis hin zu dem Versuch, eine allgemeinen Impfpflicht zu verhängen – lagen noch in der Zukunft, als der Autor sein Buch schrieb. Und dennoch fügen sich die Folgeereignisse nahtlos in die skizzierten Zusammenhänge ein. Ein Umstand, der auf eine Fortführung der van Rossum‘schen Pandemie-Chronik hoffen lässt. Denn diese ist ausgesprochen lesenswert: Sie bietet dem Leser nicht nur zahlreiche, gut recherchierte Fakten aus seriösen Quellen, sondern bringt diese in nachvollziehbare und plausible Zusammenhänge.

"Meine Pandemie mit Professor Drosten" von Walther von Rossum ist im Januar 2021 unter der ISBN 3967890120 im Rubikon Verlag erschienen.

 

Bildquelle: Rubikon Verlag

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