Storytelling aus der Covid-Schmiede

06.01.2022 von Christian Zehenter

Keine neue Ideologie ohne neue Sprache. So haben seit 2020 Hunderte neuer Begriffe in unsere Sprache Einzug gehalten - oder wurden völlig neu genormt-, die vor allem eines vermitteln: eine absolute moralische Wertigkeit: zum einen Anglizismen wie Homeoffice, Superspreader, Booster, Homeschooling, zero covid, flaten the curve oder Lockdown. Obwohl nicht einmal alle dieser Begriffe im Englischen existieren, vermitteln sie den Hollywood-Faktor. Wie banal und ernüchternd würde Auffrischungsimpfung statt Booster oder Heimarbeit statt Homeoffice klingen? Dann folgen Kürzel wie AHA oder 2G, die durch kindliche Vereinfachung bestechen. Schließlich wurden viele Begriffe neu definiert:

Eine Pandemie ist nicht mehr eine weltweite Seuche mit sehr vielen Kranken und Toten, sondern schlicht eine weltweit verbreitete Infektion. Der Begriff trifft daher auch auf die jährlichen Influenza-, Parainfluenza-, Adeno-, Metapneumo- und Schnupfenviren-Wellen und jede andere weltweite Viruswelle zu. Somit kann die WHO immer und zu jedem Zeitpunkt eine Pandemie ausrufen.

Inzidenz ist nicht mehr die Zahl der Neuerkrankungen in der Bevölkerung, sondern die absolute Zahl rein willkürlich erhobener positiver Tests - auch wenn die Probanden gesund oder nicht infiziert sind.

Querdenker sind nicht mehr Menschen mit skeptischem Blick und freiem Geist, sondern böse Gefährder, die unsere Ordnung stürzen wollen.

Verschwörungstheorien sind nicht mehr berechtigte Annahmen über Absprachen unter Interessenseilschaften, sondern gemeingefährliche Wahnvorstellungen.

Demonstrationen sind nicht mehr essenzielle, grundrechtlich geschützte Instrumente demokratischer Kultur und Gestaltung, sondern disziplinlose, staatsfeindliche Zusammenkünfte niederträchtiger Menschen.

Verweigerer sind nicht mehr Menschen, die im Rahmen ihrer verfassungsgemäßen Selbstbestimmung eine Maßnahme ablehnen, sondern Abtrünnige und Verräter, die sich gegen die Gemeinschaft verschworen haben.

Leugner sind nicht mehr Menschen, die etwas bestreiten, sondern Häretiker, die eine heilige Wahrheit besudeln.

Eine Impfung ist nicht mehr eine von vielen freiwilligen medizinischen Maßnahmen zur Infektvermeidung, die im Einzelfall abzuwägen ist, sondern eine heilige Vaterlandspflicht zur Wiedererlangung der Freiheit. Zudem ist sie nicht mehr nur das Verabreichen von Antigenen, sondern plötzlich auch das gentechnische Manipulieren des Menschen, damit dieser Antigene in seinem Körper herstellt.

Rechtsextremismus hat nun nichts mehr mit Nationalismus und Gewalt zu tun, sondern betrifft jeden, der eine andere Meinung vertritt als der politmediale Apparat.

Die WHO ist kein korruptes Verkaufsinstrument der Pharmaindustrie mehr, sondern ein dem menschlichen Heil verpflichtetes Gremium weiser Menschen.

Große Medien sind nicht mehr allein an Reichweite, Geld und Dramatisierung interessiert, sondern nur noch an der reinen Wahrheit.

Regierungen sind keine soziopathisch geprägten Machtapparate mehr, die immer begrenzt werden müssen, sondern wissen und entscheiden nun, was für uns alle gut und richtig ist.

Die Wissenschaft ist nicht mehr eine ständige Suche nach Erklärungen (und auch nicht mehr privaten Geldgebern und Eliten verpflichtet), sondern kennt heute die (r)eine und absolute Wahrheit, die sie zum Wohl der Menschen verbreitet.

Das Publikum darf gespannt sein, was uns die Zukunft an Neusprech-Begriffen bescheren wird - und welche Freiheiten damit begrenzt, welche Absichten damit verschleiert, welche Grundprinzipien menschlichen Handelns damit ad absurdum geführt werden sollen. Das Storytelling wird das gleiche bleiben: Mit markigen Begriffen werden uns die großen Dramaturgen der gegenwärtigen Welterzählung weiter ihr Endzeitmärchen von Gefahr, Verrat und edler Rettung, von Gut und Böse, Himmel und Hades auftischen. Die Protagonisten - Helden wie Antihelden - wechseln dabei ständig. Wer heute aufrechter Solidarmensch ist, der kann schon morgen zum Boosterverweigerer werden. So wird für den einen im Handumdrehen zum Trauerspiel, was zuvor noch Heldensaga war. Eine Hoffnung keimt dabei auf: Je mehr die Hiobsherolde ihre Erzählstränge drehen, wenden, pflechten und verknoten, umso mehr Zuschauer verlassen dann vielleicht befremdet den völlig überhitzten Kinosaal - müde von einer nicht enden wollenden Katastrophenerzählung.

 

Bildquelle: Adobe Stock / noppadon

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