Extremismusforschung: Wie aus Kritikern Verräter werden

Keine Menschen, sondern böser Mob

17.01.2022 von Christian Zehenter

Spalter, Hetzer, Extremisten und Staatsfeinde marodieren da laut Medien und Politik montags und samstags auf den Straßen. Gegenaktionen für die Demokratie seien notwendig. Extremismusforscher sinnieren, dass hier der Rechtsextremismus Fuß gefasst habe, aber auch eine Mischung aus bürgerlichen, esoterischen, verschwörungsgläubigen, individualistischen und demokratiefeindlichen Gruppen hinzukomme. Woher sie das wissen und welche Zahlen diese Giftthese untermauern, verschweigen sie. Es ist einfach so - weil sich das gut anfühlt, weil es der großen Sache dient - und weil man endlich wieder mit dem Segen des Staates hassen, fürchten, spalten und ächten darf. Auch ein bisschen zuschlagen ist hinnehmbar, ganz zu schweigen von Kirchenglocken läuten (Schweinfurt), Alarmanlagen aktivieren, Straßenbeleuchtungen abschalten, Farbbeutel werfen, Stinkefinger zeigen, Flüssigkeiten aus Fenstern schütten oder Blumentöpfe werfen (Berlin).

Böse Minderheit aus Hassern und Kultketzern

Denn diese Meute besteht ja nicht aus Menschen (schon gar nicht aus liebens- und achtenswerten Menschen aus unserer Mitte), sondern aus Querdenkern, Hassern und Verschwörungsideologen - und ist zudem nur eine Minderheit. Mit knapp 12 Millionen (wenn man die Zahl der ungeimpften Erwachsenen in Deutschland zugrunde legt) sind es zwar etwa so viele, wie die SPD zur Regierungspartei und Olaf Scholz zum Kanzler gewählt haben, aber das zählt nicht. Denn es ist nicht - wie bei SPD-Wählern - eine gute, sondern (Coronaproteste) eine böse Minderheit: Sie zweifelt am Virus-Kult, am heiligen Grahl - und an der Impfung als heiliger Kommunion. Sie hält die präsentierten Zahlen und Fakten für frisiert, Corona für eine schwere (aber zunehmend mildere) Grippe und den Schaden der Maßnahmen wie Quarantäne, Tests, Impfung, Masken und Kontaktbeschränkungen für vielfach größer als den Nutzen. Sie glaubt, dass viele Menschen unter den Maßnahmen leiden (und auch deshalb weltweit einige Hundert Millionen Menschen hungern und Hungers sterben) und Politik mehr an Macht und Seilschaften als am Wohl der Menschen interessiert ist. Sie glaubt, dass die Interessen der Pharma- und Rüstungsindustrie im Verbund mit den Milliardären und ihren Stiftungen schon lange wesentlich Einfluss auf politische Entscheidungen, die Wissenschaft und offizielle Narrative nehmen und dass Bedrohungen katastrophisiert und genutzt werden, um mithilfe von Angst- und Rettungserzählungen diese Klientelpolitik gegen die Bevölkerung durchzusetzen. Diese Minderheit glaubt, dass Medien nicht die Wahrheit, sondern stärker Gesinnungen, Dramaerzählungen und die Interessen ihrer Geldgeber vertreten. Und auch, dass in einer Demokratie die Freiheit, Würde und Selbstbestimmung jedes Menschen unantastbar ist und niemals eine Mehrheit die Rechte einer Minderheit beschneiden darf (ansonsten könnte man sofort per Abstimmung Motorradfahren, Fallschirmspringen, grüne Muffins, rote Socken, Achselschweiß, Dudelsackspielen und böse Blicke verbieten). Die Minderheit glaubt, dass Menschen nur in Freiheit und Frieden und einem ausbalancierten Gleichgewicht aus Interessen und Kräften zusammenleben können und niemals eine Kraft zu viel Macht erhalten darf, weil dies Totalitarismus hervorbringen würde. Sie glaubt auch, dass in der Geschichte, bis heute, Angstnarrative und autoritäre Freiheitseingriffe immer nur dem Vorteil (Macht, Reichtum, Bedeutung) weniger und nicht dem Wohl vieler dienten und immer Unfrieden, Ungleichheit, Krieg und Armut hervorbrachten.

Friedfertigkeit als Schafspelz des staatsfeindlichen Wolfsrudels

Wie kommen diese Menschen nur auf diese abwegigen Aussagen? Natürlich, weil sie Verräter sind. Sie rufen zwar "Frieden, Freiheit, Demokratie", wenden sich gegen Faschismus und Totalitarismus und fordern die Gültigkeit von Verfassung, Rechtsstaat und Völkerrecht. Aber das ist nur ein Trick, um unser System zu stürzen. Zwar ist vor Ort nirgendwo etwas von Extremismus, Gewalt oder rechter Ideologie zu sehen oder zu hören - aber gerade das ist die Strategie, wie beim Virus: Je harmloser es daher kommt, desto gefährlicher ist es. Daher ruft die hofstaatliche deutsche Elite - von Landräten über Bürgermeister und Rektoren bis hin zu Parteien, Kirchen und Verbänden - mit Recht zum Widerstand gegen den Widerstand auf, zur demokratischen Initiative gegen die demokratische Initiative, zur antifaschistischen Kampagne gegen die antifaschistische Kapmagne und zur Freiheits- und Friedensbewegung gegen die Freiheits- und Friedensbewegung. Nur Deutschland kann das Kunststück vollbringen, dieses Paradoxon in salonfähige Narrative zu verwandeln und das Volk gegen das Volk zu mobilisieren, auf dass Blut fließe, getreu Machiavellis Führungsprinzip "Teile und herrsche". So treten heute Linke, Gewerkschaften, Kirchen, FFF- und Antifagruppen nicht mehr gegen die Regierung, sondern an deren Seite gegen ihre Mitmenschen an: für staatliche Autorität, Zensur, Maskenpflicht, soziale Distanz, Impfung, hohe Energie- und Wohnungspreise, Framing, Durchregieren und Inflation. Die Felder Frieden, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit, Verfassung und Subsidiarität haben sie heute anderen überlassen. Denn sie sind sich sicher: Hinter der bunten, friedlichen Montagsbewegung im Profil eines Kirchentages verbergen sich subversive Staats- und Klassenfeinde. Die wahren Demokraten, Menschenfreunde und Verfassungsschützer sind unsere Bundes- und Landesregierungen, Christian Drosten, Lothar Wieler, die öffentlich-rechtlichen Medien, NGOs, (Hoch-)Schulen, großen Gewerkschaften, Kirchen, Kliniken, Milliardäre, Pharmafirmen und Verbände. Sie alle wollen nur unser Bestes, die Wahrheit und das Wohl aller Menschen - niemals ihren eigenen Vorteil auf Kosten anderer. Wir können, ja müssen ihnen vertrauen und dürfen nichts hinterfragen - das sagten schon 2020 Angela Merkel und Lothar Wieler. Denn nur Abtrünnige und Geächtete zweifeln und weichen vom Kurs ab. Wer solidarisch und vernünftig ist, vertraut Politik, Industrie und Medien und lässt sich boostern - als Eintritt zum sozialen Leben.

Nichtwähler gehen stimmlos unter

Doch nicht alle Angehörigen des totalitären Apparates sind glücklich mit diesen Erzählungen. Wie die Gastautorin Annette Heinisch auf der Website der DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld in ihrem Artikel "Umarmbar" schreibt, ist Martin Ruthenberg, Moderator klassischer Musiksendungen und Nachrichtensprecher vor allem für SWR2 und SWR aktuell, "'fassungslos vor Wut', wenn er die Berichterstattung über die Corona-Demonstration in Freiburg am 08.01.2022 bei seinem Arbeitgeber SWR verfolgt. Die Demonstranten als „Spalter“ zu bezeichnen sei diffamierend und ausgrenzend." Doch Lüge und Diffamierung haben auch immer unangenehme Folgen für die Absender: Laut Gregor Gysi vertrauen nur noch 70 Prozent, nach einer Umfrage der Körber-Stiftung nur noch 50 Prozent der Deutschen der Demokratie bzw. Regierung. Lediglich 32 Prozent haben laut der Umfrage Vertrauen in Bundestag und Bundesregierung, nur 20 Prozent in Parteien. Gregor Gysi erklärt: "Dreißig Prozent unserer Bevölkerung haben jedes Vertrauen zur etablierten Politik von der CSU bis zur Linken – einschließlich der Linken! – verloren. (...) Das macht mich so nachdenklich. Wir müssen einen Weg finden, Vertrauen wieder herzustellen. Es ist zum Teil die falsche Sprache. Es ist zum Teil die Angabe falscher Beweggründe. Es ist zum Teil eine gewisse Unehrlichkeit. (...) Und ein Mangel besteht darin, dass uns Politiker die Nichtwähler nicht interessieren. Weil ja nur die Wähler darüber entscheiden, wie die Sitze verteilt werden.“

 

Bildquelle: Adobe Stock / bluedesign

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